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“Für uns unvorstellbare Qualen”

Wie Floorball-Bundesligist Floor Fighters Chemnitz am Montag, den 7.  Oktober, mitteilte, hat der Spieler Jussi Ahonen Ende September in seiner finnischen Heimat Selbstmord begangen. In einem Interview äußert sich Prof. Dr. Oliver Stoll umfangreich zum Thema. Der Präsident von Floorball Deutschland ist als Sportpsychologe im Nationalen Suizid-Präventions-Programm (NASPRO) aktiv.

 

Oliver Stoll, was waren deine ersten Gedanken als du vom Selbstmord von Jussi Ahonen von den Floor Fighters Chemnitz erfahren hast?

 

Oliver Stoll: Ich bevorzuge eigentlich den Begriff Freitod, da dieser nicht so negativ besetzt ist. Kommen wir aber zur eigentlichen Frage. Natürlich war ich bestürzt und betroffen. Jeder Freitod ist tragisch und unnötig, auch wenn diejenigen, die diesen Freitod wählen sehr oft gar keine Möglichkeit für sich persönlich sehen, noch irgendwie weiter leben zu können. Diese Menschen leiden psychisch an für uns nicht suizid-gefährdete Personen unvorstellbare Qualen und sehen nur im Freitod die einzige Erlösung ihrer Qual. Ich fühle mit den Verwandten und Freunden von Jussi Ahonen, die diesen Verlust nun ertragen müssen und in meiner Funktion als Präsident von Floorball Deutschland bestürzt mich jeder Tod eines engagierten Floorball-Spielers.

Unter den Floorball-Vereinen gab es nach Bekanntwerden des Freitods des finnischen Spielers sofort große Anteilnahme. Was rätst du mit deinem Erfahrungshintergrund als Leistungssportvertreter im Nationalen Suizid-Präventions-Programm (NASPRO) allen voran den Floor Fighters und den Vereinen, für die Jussi Ahonen in den vergangenen Jahren aktiv war, nun in Bezug auf die Kommunikation nach Außen, nach Innen und möglicherweise auch zu den Angehörigen zu tun?

 

Selbstverständlich kann das öffentliche Zeigen Betroffenheit und ein Mitfühlen, auch eine Solidarität mit der Familie hier den Angehörigen in der Tat eine große Stütze sein. Persönliche Beileidsbekundungen, Anwesenheit bei der Trauerfeier und das Angebot von Hilfe sind hier für mich eine Selbstverständlichkeit. Große öffentliche Beileidsaktionen führen hier aber oftmals zu Aktionen, die wir nicht erwarten würden. Im Fall des Fußballnationaltorhüters Robert Enke gab es unmittelbar nach seinem Freitod und der medialen Behandlung dieses Themas einen signifikanten Anstieg von Freitodhandlungen auf Eisenbahnstrecken von depressiven Patienten. Wir kennen das als „Trittbrettfahren“ von Freitodwilligen. Der Fall Enke war da nur ein Beispiel. Vorliegende systematische Studien zeigen, dass  Freitodhandlungen, die medial überdimensional vermittelt werden einen Anstieg von weiteren solchen Handlungen nach sich ziehen. Deswegen sind solche groß angelegten Beileidsbekundungen ein „zweischneidiges Schwert“. Den Betroffenen Angehörigen und Freunden geht es dann eventuell besser. Aber es sterben dann oftmals weitere Personen, die noch leben würden, wenn die mediale Ausgestaltung von Freitoden nicht in einem solch großen Umfang erfolgt hätte.

 

Gibt es Instanzen, die den direkt betroffenen Vereinen oder auch Mitspielern in dieser schwierigen Situation helfen können?

 

Ja, es gibt das von Dir schon angesprochene Nationale Suzid-Präventions-Programm (NASPRO). Dies ist ein Programm, das von der Bundesregierung unterstützt wird, um eben Freitodhandlungen zu verhindern. Neben Aufklärung werden hier auch Kontakte zu speziell ausgebildeten Psychotherapeuten vermittelt. Für den Bereich Leistungssport bin ich einer von drei Vertretern in der NASPRO, gemeinsam mit zwei Psychotherapeutinnen mit Bezug zu Psychotherapie im Leistungssport. Ich habe Informationsmaterial, das ich gerne versende und stehe auch als Kontaktperson bei Hilfe-Anfragen zur Verfügung.

 

Der Freitod von Robert Enke im Frühjahr 2011 hat die Wahrnehmung von Suiziden in Deutschland radikal verändert. Inwiefern helfen die Erfahrungen aus diesem stark in der Öffentlichkeit ausgetragenen Fall für den Umgang mit Jussi Ahonen Selbstmord?

 

Das ist eine schwierige Frage, zumindest, wenn ich den Bezug zu Jussi Ahonen herstellen soll. Was sich jedoch in der bundesdeutschen Öffentlichkeit verändert hat, ist eine veränderte Wahrnehmung für die Psyche eines Leistungssportlers. Denn auch Leistungssportler sind eben nur Menschen und eben auch nicht vor psychischen Erkrankungen wie z.B. Depression gefeit. Vorliegende epidemiologische Studien zeigen jedoch, dass es im Leistungssport nicht mehr psychischen Erkrankungen gibt, als in der „Nicht-leistungssport-treibenden Bevölkerung“. Dennoch werden Leistungssportler in der Öffentlichkeit häufig als glanzvolle, starke Helden präsentiert, die nichts umwerfen kann. Dies hat sich seit dem Freitod von Robert Enke sicherlich geändert. Auch im Bereich der sportpsychologischen und psychotherapeutischen Betreuung von Athleten sind wir sensibler geworden. Die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp – das ist der Berufsverband der Sportpsychologen) kooperiert über ein Projekt

mit dem Namen „Mental gestärkt“ mit der Deutschen Gesellschaft für Psychatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Dieses Projekt wird von der Robert-Enke-Stiftung finanziert. Ziel ist es auch hier Leistungssportler frühzeitig aufzuklären und weiter zu bilden und als Kontaktportal zu fungieren. Zusätzlich gibt es, wie schon gesagt, das NASPRO.

 

Unter den Floorball-Bundesligisten wurde konkret diskutiert, eine Gedenkminute im Vorfeld der nächsten Partien durchzuführen. Wurde das Thema im Vorstand besprochen und wie ist deine persönliche Meinung dazu?

 

Die Vereine, die einen Bezug zu Jussi Ahonen hatten, haben sicherlich ein dringendes Bedürfnis eine Schweigeminute vor der nächsten Bundesliga-Partie durchzuführen. Das ist m.E. völlig in Ordnung und angemessen. Dabei sollte es jedoch bleiben, eben wegen des oben angesprochenen „Trittbrettfahrer-Effektes“. Das Thema ist für Floorball Deutschland auch noch „frisch“. Wir haben uns im Vorstand nur via e-mail ausgetauscht, und genau die hier angesprochene Vorgehensweise vorgeschlagen. Wir werden es jedem Verein freistellen, wie er mit dem Freitod von Jussi Ahonen umgeht, aber wir empfehlen Beileidsbekundungen im „kleinen Kreis“.

 

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